DOPPELSEITE
Gestern habe ich mein Studium der visuellen Kommunikation kurz vor dem Diplom abgebrochen. Die Erkenntnis, dass "Werbung" nichts für mich ist, erlangte ich während eines Praktikums in einer Schweizer Werbeagentur, und der tiefe Wunsch nach Selbstständigkeit wuchs in der Zeit, als ich angestellt war. Aus der Ferne betrachtet ein authentischer Pfad durch mein bisheriges Leben. Ohne konkrete Planung. Dem Gefühl und der Intuition folgend. So auch der Schritt in die Selbstständigkeit. Als ich 1994 Eikes Grafischer Hort gründete, geschah dies nicht mit einem 10-Jahres-Masterplan, in dem Internationalität als logische Konsequenz verankert war. Es geschah aus dem Wunsch heraus, mein eigener Herr zu sein. Ich wollte die Freiheit nutzen, selbst zu entscheiden, für wen, für welche Produkte, unter welchen Rahmenbedingungen und mit wem ich arbeiten möchte. Ich wollte einen Ort der kreativen Offenheit schaffen. Ich wollte mit Menschen zusammenarbeiten, die eine ähnliche Vision in sich tragen. Ich wollte selbst bestimmen, wie hoch der Grad der Qualität meiner Arbeit sein soll … und das konnte ich als angestellter Art Director einer bekannten Plattenfirma in der von mir gewünschten Konsequenz nicht.

Also schmiss ich auch diesen "Traumjob" hin und konzentrierte mich von dort an auf mich selbst. Ich hatte den großen Vorteil, dass ein Kunde mir für das erste Jahr meiner Selbstständigkeit eine Auftragsgarantie von 30 Covern zu einem festen Preis zugesichert hat. Ich konnte mich also voll darauf konzentrieren, dem Büro ein Gesicht zu geben. Ich konnte mich zu 100% mit dem Output beschäftigten, das Income war gesichert. Innerhalb eines Jahres hatte ich in der Musikszene einen gewissen Namen erlangt. Man kannte mich, ich wurde herumgereicht. Akquise war nicht nötig. Die goldene Zeit der Musikbranche. Ich konnte meine Honorare selbst festlegen, bekam eine Stimme, und man fragte mich um Rat. Ich konnte bestimmen, wo es hingeht. Lernte, Aufträge, die ich nicht mit meiner Person in Einklang bringen konnte, abzulehnen, und wuchs an den Herausforderungen, die ich mir immer wieder selbst stellen konnte. Dieses für mich sichere und angenehme Umfeld gab mir die Möglichkeit, selbstbewusst zu werden. Ich lernte mich selbst kennen und, meinen Fähigkeiten zu vertrauen, lernte, den Wert meiner Arbeit einzuschätzen und dazu zu stehen, lernte, eine Meinung zu haben, lernte, offen zu sein für andere Menschen, ihre Ideen und Ängste.

Ich lernte zu kommunizieren. Und zwar in einer geschäftlichen Form, ohne mich dabei selbst zu verstellen. Und hierin liegt der Schlüssel für alle Jobs, die der Hort im Laufe seiner Zeit bearbeitet hat. Die Kommunikation. Sobald du die Musikbranche und ihre Codes, wie z. B. Aufträge per Handschlag, verlässt, musst du dir spezifische Formen der Zusammenarbeit und Kommunikation in den anderen Branchen aneignen. Ich wurde einmal von einer großen deutschen Agentur gefragt, ob wir für ein Buch einen Charakter entwickeln könnten. Ich war begeistert und sagte zu, ohne auch nur einmal nachzufragen, wie hoch das Budget sei, was alles gefordert wird und wie das Timing aussieht. Als wir dann eine Woche später drei verschiedene Richtungen entwickelt hatten, kam es zum ersten Feedback, und das sah nicht gut aus. "Wir müssten in eine andere Richtung arbeiten…" und "Das darf nicht so und so sein". Hierbei fragte ich zum ersten Mal, wie unser Honorar aussehen würde. Dabei kam heraus, dass dies nur Layouts wären, dass dafür kein Honorar vorgesehen wäre und dass das Gesamtbudget bei 1000 Euro für 30 Illustrationen liegen würde. Hätte ich diese Informationen von Anfang an gehabt, dann hätte ich den Job überhaupt nicht angenommen. Ich lernte also anhand von negativen Erfahrungen, wie ich mich innerhalb der Wirtschaft zu bewegen habe, um die Rechte an meinen Werken zu sichern. So könnte ich hier mehrere Beispiele aufführen, wie z. B. eine Modemarke aus Los Angeles, für die wir ein Corporate Design entwickelt haben – auf Vertrauensbasis – und dann leider feststellen mussten, dass sie Hauptteile der Konzepte verwendet haben, ohne uns jemals dafür zu bezahlen. Wir hatten es aber auch verpasst, einen Vertrag mit ihnen anzufertigen.

Wie aber wird man überhaupt international wahrgenommen? Ich habe nie in internationale Richtung Akquise betrieben. Das Internet hat das Arbeiten als Grafiker revolutioniert. Als grenzenloses Medium gibt es dir die Möglichkeit, deine Arbeit einem internationalen Publikum zu präsentieren. Du kannst Kontakte zu anderen Grafikern knüpfen, und wenn deine Website auf bestimmten Linkstations, wie Newstoday, verlinkt wird, hast du innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl von Besuchern auf deinem Portfolio. Das bedeutet aber nicht, dass du dadurch auch Aufträge generieren kannst. Mein erster großer internationaler Auftrag kam dann auch eher über die vielen internationalen Publikationen, in denen meine Arbeiten veröffentlicht sind.

Er kam sozusagen im wahrsten Sinne über Nacht. Eines morgens erhielt ich eine Mail von einem gewissen Howard Brown aus San Francisco. Seinerzeit Creative Director bei EXPN, einer Firma von Walt Disney. Darin fragte er uns, ob wir für eine internationale Kampagne Sportszenen mit Puppen entwickeln könnten. Zuerst hielten wir es für einen schlechten Scherz. Walt Disney fragt ein kleines Design-Büro aus Deutschland, ob sie Sets bauen könnten… Wir fragten also nach, woher der Kontakt käme und was sie sich dabei gedacht hätten, worauf Howard ein Buch erwähnte, in dem wir ein Artwork veröffentlicht hatten. Das Artwork zeigte eine Speedway-Szene, die wir mit Puppen dargestellt hatten. Und da er der Meinung war, dass wir der Urheber dieser Idee seien, würde er gerne die anderen Sportszenen von uns gestaltet bekommen. Wir sagten spontan zu, ohne uns die Folgen vor Augen zu führen. Damals gab es im Hort nur mich und Ralf Hiemisch. Einen Job in der Größenordnung hatten wir noch nie bearbeitet. Wenn du für die Filmbranche arbeitest, wird alles, was Recht und Honorar betrifft, im Vorfeld geklärt. Wir bekamen Verträge, kontaktierten einen Anwalt des internationalen Rechts, stellten fest, dass wir nicht wirklich Einfluss auf den Wortlaut des Vertrages und damit unserer Rechte haben. Wir führten Verhandlungen mitten in der Nacht und ließen uns auf einen Zeitrahmen ein, den wir damals noch gar nicht einschätzen konnten. Nicht zu vergessen die unglaubliche Summe als Vertragsstrafe bei Nichteinhalten des Termins. Ich weiß nicht, ob ich es Mut oder Naivität nennen soll. Aber vielleicht braucht man beides, um einen solchen Job ohne Angst zu bewältigen. Wir lernten dabei auch gesellschaftliche und kulturelle Unterschiede kennen. Ethnische Überlegungen wie beispielsweise, welche ethnischen Bevölkerungsschichten durch unsere Puppen abgedeckt sein müssen. Oder Product-Placement, was wir glücklicherweise abgelehnt haben. Oder auch einfach nur die Tatsache, dass eine amerikanische Firma einen Job in der Größenordnung zusammen mit einem Zwei-Mann-Büro durchführt, ohne jemals persönlichen Kontakt, außer am Telefon, gehabt zu haben. Wir verlagerten also unsere Arbeitszeiten 12 Stunden nach hinten, erweiterten unser Team um drei Frauen und legten los. Wir entwickelten die Szenen aus Platzmangel nacheinander und mieteten uns dafür extra ein Atelier. Tagsüber bauten wir an den Sets und den Puppen, nachts fotografierten wir und kommunizierten mit dem Kunden. Für einen Grafiker ist es in solch einem Fall wichtig zu wissen, was für eine Rolle er übernehmen möchte. Einerseits ist dies ein sehr interessanter Auftrag, andererseits möchte man auch nicht Umsetzer für eine Firma sein. Wir haben immer dafür gekämpft, den größtmöglichen gestalterischen Freiraum zu schaffen, der in dieser Konstellation möglich war. Dabei ist es wichtig zu wissen, was man selbst will. Und man muss es klar kommunizieren.

Das gilt auch für mögliche Bedenken und Kritik. So konnten wir den für uns wichtigen, emotionalen Teil in unserer Arbeit zum tragenden Element in unseren Fotos machen … es ging uns nicht nur um den Sport an sich, es ging uns um das Drumherum. Das war ursprünglich im Briefing nicht vorgesehen. Deshalb gibt es auch Bilder, die die Skater nach dem Skaten zeigen und dadurch von dem erzählen, was alles zum Erlebnis Sport dazugehört. Wir und unser Kunde waren am Ende beide sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Der große Mehrwert an dem Job war für mich aber die positive Erfahrung, dass ich auch in großen Aufträgen meine Meinung vertreten kann.
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Dass ich auch hier, trotz der Kommunikationshürden und Entfernungen, konsequent für meine Ideen kämpfen kann und trotzdem, oder gerade deswegen, geschätzt werde. National oder international. Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Es gibt Parameter, die auf alle Formen der Zusammenarbeit zutreffen. Was man grundsätzlich braucht, ist eine gewisse Sensibilität, Reflektion und Offenheit gegenüber seinem Auftraggeber. Gleichzeitig benötigt man aber auch Vertrauen in sich selbst und eine große Portion Mut. Dafür ist es gut zu wissen, was man selbst will. Und das muss über eine feste Haltung vertreten werden. Man muss für sich selbst festlegen, in welcher Weise man am besten arbeiten kann. Dafür bedarf es einer Kommunikation auf Augenhöhe mit deinem Kunden.

Ich habe mich nie als Dienstleister im Sinne von Umsetzer gesehen. Für mich war es immer wichtig, dass mein Gegenüber mich und meine Arbeit respektiert. Dass er offen ist für meine Ideen und Kritiken. Das bedeutet aber auch, dass du dich ihm gegenüber genauso verhalten musst. Schönes Grafik-Design zu machen, ist leicht, gutes Grafik-Design zusammen mit einem Kunden zu entwickeln dagegen unser eigentlicher Job. Und um dies zu erreichen, muss man sein Gegenüber dort abholen, wo es sich gerade befindet. Um es dann behutsam zu deinem Konzept zu führen. Der Schlüssel hierfür heißt Kommunikation und Aufmerksamkeit. Im internationalen Kontext bekommt die Sprache ein anderes Gewicht. Auch heute ist eine der größten Schwierigkeiten – und das, obwohl wir mittlerweile ziemlich fit in Englisch sind und innerhalb des Hortes [aufgrund der internationalen Mitarbeiter] fast nur noch Englisch sprechen – immer noch die Sprache. Grundsätzlich ist man erst einmal in einer schlechteren Position, wenn man nicht in seiner Muttersprache kommunizieren kann. Man versteht viele Dinge nicht so, wie sie gemeint sind. Man kann in Verhandlungen wesentlich schlechter seine Position vertreten, und auch im kreativen Prozess ist die Konzeptvermittlung gehemmt. Gerade die Nuancen der Sprache sind aber meist von großer Wichtigkeit für deinen Arbeitsauftrag. Ich erinnere mich an einen Text der "Wallpaper" über neue moderne Bauprojekte in den USA, zu dem wir Illustrationen erstellen sollten. Dieser Text war in einem so unglaublich tollen und philosophischen Englisch, dass wir leider die Hälfte der Wörter nicht kannten und Schwierigkeiten hatten zu verstehen, um was es überhaupt geht. Zur anderen Sprache kommen die andere Mentalität und auch andere Gepflogenheiten. Mittlerweile weiß ich, dass "Oh, that's great. Gorgeous. Wonderful. We love it so much!" nicht gleichbedeutend mit einer Freigabe ist. Du kannst sogar meilenweit davon entfernt sein. Zeit ist ein weiteres Thema. Da ich Kunden aus verschiedenen Zeitzonen betreue, verlängert sich mein Arbeitszeitfenster um einige Stunden. In Deutschland starten wir um 11 Uhr, New York fängt um 16 Uhr an, und die Kernarbeitszeit der Westküste beginnt um 21 Uhr. Anfangs haben wir uns darauf eingelassen. Wir haben wochenlang von morgens bis nachts gearbeitet.

Mein Telefon klingelte morgens um 3 Uhr, ein Kunde wollte Änderungen. Als ich ihm erzählte, dass ich im Bett liege und schlafen würde, fiel ihm ein, dass ich ja in einer ganz anderen Zeitzone lebe. Es liegt an dir selbst, Grenzen festzulegen. Ich habe meinen Kunden mitgeteilt, dass, wenn sie mit mir arbeiten möchten, sie die Zeitverschiebung und meine Arbeitszeiten akzeptieren müssen. Dasselbe gilt aber auch für deutsche Kunden.

Arbeiten auf internationalem Niveau bedeutet eine Verdichtung der Aufgaben im organisatorischen Bereich deines Büros. Dies ist verknüpft mit einer grundsätzlichen Überlegung: Lasse ich mich darauf ein und kann dadurch auf internationaler Ebene arbeiten, oder beschränke ich mein Betätigungsfeld auf das mir vertraute Terrain. Ich persönlich habe mich von Anfang an dafür entschieden, offen für alles zu sein. Ich finde es spannend, mit Menschen aus der ganzen Welt zu kommunizieren. Zu sehen, wie sie denken und arbeiten. Das hat mich ein Stück weit offener gemacht.

Heute bin ich hier, weil ich es so wollte. Es ist das Ergebnis einer konstanten und konsequenten Arbeit. Ich werde eingeladen in die Jury vom D&AD. Die Universität für Angewandte Kunst Wien kann sich vorstellen, dass ich die Professur für Grafik-Design übernehme. Ich lehre und halte Vorträge. Alles Dinge, die ich mir am Anfang meines Berufslebens nicht hätte vorstellen können. Heute bin ich glücklich. Aus dem Hort ist ein multidisziplinäres Design-Studio geworden. Ich arbeite zusammen mit 6–8 Personen – meiner Meinung nach eine ideale Größe – in den unterschiedlichsten Bereichen des Grafik-Designs. Unsere Kunden kommen aus den USA, aus Kanada, England, Japan und Deutschland. Dank des Internets ist die Standortfrage zweitrangig geworden. Sicher hätten wir Vorteile, wenn wir beispielsweise in New York ein Büro für den amerikanischen Markt öffnen würden. Im Fall von Draftfcb haben wir auch zeitweise in New York direkt beim Kunden gearbeitet. Diese Möglichkeit hat man immer. Temporäre Ortswechsel, um den Prozess zu optimieren. Grundsätzlich arbeite ich aber lieber in mir vertrauten Räumen. Mir geht es persönlich nicht um Vorteile oder Marktanteile. Mir geht es um die Sache an sich. Ich möchte zusammen mit mir geschätzten Menschen starke visuelle Konzepte für Kunden entwickeln, die ich wiederum interessant finde. Ein guter Freund von mir hat mal gesagt: Frankfurt is a place, Hort is a feeling. Morgen wache ich hoffentlich auf und fühle mich wohl. Ich schaue nicht in die Ferne. Ich lebe im Moment. Die Vision lebt in mir. Ich möchte mich nicht festlegen, denn ich habe festgestellt, dass ich mit der Möglichkeit, mich situationsbedingt weiterentwickeln zu können, wesentlich besser aufgestellt bin. Vielleicht habe ich übermorgen keine Lust mehr zu gestalten. Dann möchte ich mit derselben Begeisterung etwas Neues anfangen. Heute ist heute und morgen ist morgen.
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